“We go with the flow!”

Samstag, der 12. Juli 2014, kurz nach Mitternacht. Vier Jugendliche des YAP verlassen den Flughafen
Chennai. Es ist trotz der späten Stunde noch heiß, schwül und alles voller Menschen. Wir, zwei
Belgier, eine Niederländerin und ich als einziger Deutscher der diesjährigen Tour, werden freundlich
begrüßt und sogleich auf zwei Autos aufgeteilt. Antoine aus Belgien und ich, beide über 1,95m und
somit weit größer als der indische Durchschnitt, sitzen mit unseren riesigen Koffern eng zusammen
auf der Rückbank des einen Autos. Die beiden Mädchen sind in einem anderen Auto in eine andere
Richtung verschwunden. Wir fragen den Fahrer, wo es hin gehe, doch leider reicht sein Englisch nicht
aus, um uns zu antworten. So fahren wir also in einer uns völlig fremden Stadt mit ca. 4,5 Mio.
Einwohnern und unbekanntem Ziel durch die Nacht. Trotzdem fühlen wir uns sicher und kommen
wohlbehalten bei unserer sehr netten Gastfamilie an. Diese erste Nacht der insgesamt 30-tägigen
Tour kann als Metapher für die ganze Reise stehen. Selten hatten wir einen Plan, der uns das
Programm oder schlicht einfach mal die gesamte Reiseroute zeigte. Das irritierte selbst manche
unsrer Gastfamilien, die fragten, was die nächste Stadt sei, die wir besichtigen würden und wir
immer mit einem „Wissen wir auch nicht.“ antworten mussten. Unser nächster Satz war dann
allerdings meistens „Aber das ist schon in Ordnung so. We go with the flow!“.
Innerhalb von dreißig Tagen haben wir das Maximum aus der Zeit gemacht und fast ganz Süd-Indien
besichtigt. Insgesamt waren wir in dreizehn verschiedenen Städten und sechs unterschiedlichen
Bundesländern. Fast jedes Bundesland ist so groß, dass es ein eigener Staat sein könnte. Außerdem
kann jede Region ihre eigene Geschichte mit eigener Kultur und Tradition aufweisen. Das hieß für
uns, dass alle Stationen unserer Reise immer wieder neue Exotik zu bieten hatten. Die Gefahr von
Langeweile bestand jedenfalls nie.
Nachdem wir noch mit unseren Gastgebern die Fußballweltmeisterschaft der deutschen
Nationalmannschaft gefeiert hatten, reisten wir an der Ostküste, dem Golf von Bengalen, nach
Süden. Das Klima wurde für uns Europäer zwar kaum erträglicher, aber dafür hatte Pondicherry,
unsere zweite Station, eine Ruhe und Gelassenheit zu bieten, die in der Metropole Chennai kaum zu
finden war. Pondicherry ist eine ehemalige französische Kolonie, die durch ihre Kolonialbauten
Mittelmeer-Flair am Golf von Bengalen vermittelt. Entlang alter Straßen und vorbei an schönen
Parkanlagen konnten wir zu Fuß von unserem Hotel bis zum Strand schlendern. Dort wurde diese
Idylle allerdings zeitweilig von einem Polizisten unterbrochen, der einen offensichtlich Betrunkenen
in aller Öffentlichkeit ohrfeigte. Diese schockierende Straßenszene ist allerdings ein Einzelfall auf
unserer Tour gewesen und keinesfalls alltäglich.
Nahezu alltäglich waren dagegen unsere Besichtigungen von gefühlt tausend Tempeln. In Tamil
Nadu, dem Bundesland dessen Hauptstadt Chennai ist, gab es viele ehemals verschüttete Tempel.
Einige von ihnen sind durch Erdbeben und den Tsunami von 2004 wieder zum Vorschein gekommen
und setzen sich in warmen Sandfarben vom stahlgrauen Meer und dem blau weißem Himmel ab. Bei
solchen Tempelruinen findet man übrigens immer nur Touristen-, nie aber Pilgerströme. Ist ein
Heiligtum einmal zerstört, hilft auch die beste Restauration nichts, der Tempel bleibt für Hindus
entweiht.
Zu einem der größten Highlights unserer Tour zählt eine Hindu-Hochzeit direkt am Sandstrand und
unter Kokospalmen. Wir durften beim wichtigsten Teil der traditionell mehr tägigen Hochzeit dabei
sein und dem Brautpaar danach auf der Bühne gratulieren. Das frischgebackene Ehepaar und die
dazugehörige (Groß-)Familie trugen farbenfrohe Saris und Tücher. Auf der schön geschmückten
Bühne lagen Reiskörner und Blumen, die vom knall-orange gekleideten Guru gesegnet worden
waren. Das von Film und Fernsehen genährte Klischee einer perfekten indischen Traumhochzeit
unter Palmen und mit Live-Musik wurde gänzlich erfüllt. Das folgende Mittagessen wurde, ganz
klassisch, auf einem Palmenblatt angereicht. Gegessen wurde scharf, viel und natürlich mit den
Händen. Zum Glück bekamen wir einen kleinen Crash-Kurs von unseren Gastgebern, den wir als
Ungeübte auch dringend brauchten. Denn gerade mit Müh und Not das Essen mit der rechten Hand
zusammen geschoben und aufgenommen, fiel es meist kurz vor dem Ziel wieder herunter. Dabei sah
das bei den Indern eigentlich immer recht leicht aus. Die zweite wichtige Information, die wir
bekamen war, welche Speisen zusammen gehörten und in welcher Reihenfolge sie gegessen wurden.
Was vielleicht nach süßem Zuckergebäck aussah, konnte sich als höllisch scharfe Vorspeise
entpuppen, die man gerade unwissend in ein für den Hauptgang gedachtes Curry gedippt hatte.
Wie so oft war auch die Hochzeit nicht der einzige Programmpunkt dieses Tages. Es stand immer
mindestens so viel auf dem Programm, dass man abends kaum noch glauben konnte, all dies an
einem einzigen Tag erlebt zu haben. Es stellte sich jedoch eine gewisse Routine heraus. Der Tag
begann meist recht früh. (Wobei früh ein sehr relativer Begriff ist. Erstens war man dank Jetlag, evtl.
Krankheiten und des straffen Programms manchmal so erschöpft, dass einem einfach jede Uhrzeit
früh erschien. Und zweitens haben wir uns teils auch zum Badminton spielen um 5:30 Uhr morgens
verabredet.) Dann standen oft ein oder zwei Tempel auf dem Programm, gefolgt von einem, in
Großstädten obligatorischem Mall-Besuch. Abends wurde dann mit den jeweiligen 41ers eine Party
gefeiert. Jedes Mal gab es eine Vorstellungsrunde, so dass wir spätestens nach einer Woche nicht nur
unsere eigenen Hobbies, sondern die aller YAPs im Schlaf aufzählen konnten. Da unsere Gastgeber
durchweg alle ausgesprochen freundlich und warmherzig waren, war es nie ein Problem, in Kontakt
zu kommen und interessante Gespräche zu führen. Die Kommunikation fand immer in Englisch statt,
was in Süd-Indien nahezu jeder fließend spricht. Alle zwei, drei Tage wechselten wir die Stadt, wobei
wir immer denselben Busfahrer samt Bus hatten. Unseren Driver verließen wir nach 23 gemeinsamen
Tagen, in denen wir viel Zeit miteinander verbrachten, nur ungern. Am Ende konnte unser Fahrer
sogar schon bei unseren französischen Lieblingssongs, die wir während der langen Fahrten immer
und immer wieder hörten, mitsingen.
So bereisten wir zuerst die Ostküste, querten dann Südindien über die Berge mit ihren grünen
Teeplantagen, um dann die Westküste zu erkunden. Wir haben so viele Städte besucht und wurden
von ebenso vielen Clubs herzlich empfangen. Bangalore, Indiens sog. “Silicon Valley” und Hauptstadt
der IT-Industrie stand mit seinen Häuserschluchten und Luxushotels im krassen Gegensatz zu dem
Bergdorf Ooty, das sich eher ländlich präsentierte. Gerade noch in den Bergen und frierend im Nebel
die so gepriesene Aussicht suchend, wurden wir in Kerala, dem Bundesland an der Westküste von
der Hitze erdrückt. Kerala wird von den Einheimischen als das “Paradies auf Erden” bezeichnet, was
schnell nachvollziehbar wird. Wir genossen den Ausblick über den Strand von einem Leuchtturm aus,
besuchten eine Cashewnuss Fabrik, aßen an einer Steilküste zu Mittag und streichelten Elefanten, die
an Festtagen von Tempeln gemietet und geschmückt werden. Außerdem fuhren wir mit unserem
eigenen Hausboot durch die “Backwaters”, Brackgewässer zwischen Reisfeldern und Palmen.
Unsere vorletzte Station war Vizag, eine Großstadt an der Ostküste, zu der wir auf Grund der weiten
Entfernung flogen. Dort wurde leider ein Mädchen unserer Gruppe so krank, dass sie ins
Krankenhaus musste und dort länger blieb, als unsere Aufenthaltsdauer in Vizag vorgesehen worden
war. Unser ältester Mitstreiter blieb dann mit ihr zurück, während der Rest der Gruppe mit dem
Nachtzug nach Hyderabad aufbrach. Das war sicherlich ein Tiefpunkt der Reise, da auch noch hinzu
kam, dass fast alle YAPs etwas kränkelten. Leider konnten die beiden YAPs, die in Vizag geblieben
waren, nicht mehr rechtzeitig nach Hyderabad nach reisen, weshalb wir uns auch nicht gebührend
verabschieden konnte. Diese Erfahrung gehört aber genauso zu einem Monat “YAP-Tour Süd Indien”,
wie die vielen überwältigenden positiven Erinnerungen, die auch klar überwiegen.
Alles in allem war die YAP Südindien Tour eine sehr schöne, sehr abwechslungsreiche Reise mit einer
tollen Gruppe, unglaublich netten Gastgebern und bewundernswerten Organisatoren, deren Pläne
zwar nicht leicht zu durchschauen waren, aber gut aufgingen.

Vielen Dank an alle, die diese Tour
möglich gemacht haben!

 

2014x1 Gruppenfoto mit dem Brautpaar

2014x2Ausblick über den Strand von Kollam, Kerala. Während der Regenzeit ist Schwimmen dort nicht
erlaubt, abends ist der Strand jedoch überfüllt von Einheimischen und Touristen, die auf den
Sonnenuntergang warten.

2014x3Das Essen, das auf den Straßen überall dargeboten wird, mag zwar verlockend aussehen, ist für
Europäer mit ungeübten Mägen aber meist ungeeignet.

2014x4Die komplette YAP-Gruppe und die Kinder unserer Gastgeber, die teils selber schon die YAP EuropaTour
mitgemacht haben